Ralf Gnosa freier Schriftsteller und Literaturwissenschaftler


Direkt zum Seiteninhalt

William Butler Yeats: When you are old - Wenn du einst alt

William Butler Yeats (1865-1939) - When you are old

When you are old and grey and full of sleep,
And nodding by the fire, take down this book,
And slowly read, and dream of the soft look
Your eyes had once, and of their shadows deep;

How many loved your moments of glad grace,
And loved your beauty with love false or true,
But one man loved the pilgrim soul in you,
And loved the sorrows of your changing face;

And bending down beside the glowing bars,
Murmur, a little sadly, how Love fled
And paced upon the mountains overhead
And hid his face amid a crowd of stars.

William Butler Yeats - Wenn du einst alt

Wenn du einst alt und grau und Schlafes voll
Am Feuer dämmerst, dann nimm dieses Buch,
Lies langsam, träum, die sanften Blicke such
Einst deiner Augen, drin tief Schatten quoll;

Wie viele liebten dich im frohen Glanz
Und liebten deine Schönheit, falsch und rein,
Doch einer liebt' die Pilgerseele dein,
Im Antlitz dir der Traurigkeiten Tanz;

Gebeugt tief zu den Scheiten in der Glut,
Leicht traurig flüstre, wie die Liebe floh,
Entschreitend über Berge irgendwo,
Ihr Antlitz bergend in der Sterne Flut.


Dieses Gedicht von 1891, das durch ein französisches Gedicht von Pierre de Ronsard (1524-1585) angeregt ist, gehört für mich zu den Gedichten, die man nicht mehr vergißt, hat man sie einmal gelesen. Und obwohl es sich um ein ganz schlichtes, fast volksliedhaftes Gebilde handelt, ist seine dichterische Nachgestaltung keine leichte Aufgabe. Es hat mich etwa anderthalb Jahrzehnte immer wieder beschäftigt und erst jetzt ist zumindest ein brauchbarer Zwischenstand erreicht - allerdings wohl immer noch kein Endzustand. Anders als bei eigenen Gedichten, scheint mir bei Nachdichtungen jedoch ohnehin kaum ein endgültiger Zustand erreichbar zu sein.
Die Verse 4 und 8 sind jeweils freier nachgestaltet, dürften aber angemessen in deutschen Worten den Gehalt, das Wesentliche der Vorlage widerspiegeln.
Dieses Gedicht lockte nicht wenige zu nachgestalterischer Arbeit: natürlich findet man es bei Werner Vordtriede (1915-1985), dem verdienstvollen Herausgeber der deutschen Yeats-Ausgabe (s. W.B. Yeats: "Liebesgedichte" Hrsg. u. übs. von Werner Vordtriede. Darmstadt u. Neuwied: Luchterhand (=Sammlung Luchterhand 218) 1980 (3. Aufl.), S. 12), der zu ähnlichen Ergebnissen kommt - die Verse 4 und 6 scheinen mir nicht überzeugend; dafür ist seine Übersetzung "Pilgerherz" vielleicht eine bedenkenswerte Alternative. Bernt von Heiseler (1907-1969) hat eine Nachdichtung in seinem Essay "William B. Yeats" recht bescheiden versteckt (s. Ders.: "Ahnung und Aussage" München: Kösel-Pustet 1939, S. 115), die deutlich anders ausfällt; seine erste Strophe überzeugt, die zweite Hälfte läßt dann formal und stilistisch sehr nach. Auch Georg von der Vring (1889-1968), selbst ein Lyriker von Rang, lieferte einen Versuch. Seine starke Neigung und Begabung zum Liedhaft-Lyrischen (er wußte übrigens Karl Schloß zu würdigen!) scheint ihn für dieses Gedicht zu prädestinieren... Dennoch überzeugt sein Versuch (s. Ders.: "Englisch Horn. Anthologie angelsächsischer Lyrik von den Anfängen bis zur Gegenwart" Köln u. Berlin: Phaidon/Kiepenheuer & Witsch 1953, S. 178) weniger: ihm gelingt ein schlichtes deutsches Lied ohne jede Peinlichkeit, aber es bleibt doch der Eindruck einer Vergröberung oder Simplifizierung, das deutsche Gedicht ist zwar in sich geschlossen, steht aber nicht auf gleicher Höhe mit dem Original. Ähnliches gilt für den Versuch von Beate Schücking (1915-2004; Tochter von Levin L. Schücking; s. Ders.: "Englische Gedichte aus sieben Jahrhunderten zweisprachig" Leipzig: Dieterich (=Sammlung Dieterich 109) 1956, S. 311), der weniger volksliedhaft gerät, aber auch - ohne Peinlichkeiten - hinter dem Original zurückbleibt, ohne dadurch wörtlicher auszufallen. Insgesamt schwach, jedoch mit einzelnen interessanten Varianten ist die Übersetzung in Karl Arns: "Jüngstes England. Anthologie und Einführung" Leipzig u. Köln: Eugen Kuner 1925, S. 299f., die gemäß dem Vorwort vmtl. von Mally Behler (?-?; Dr.phil. 1926) stammt - hier taucht z.B. bereits das "Pilgerherz" auf.
Interessant ist auch ein Blick auf das "5. Sonett an Helene" von Ronsard, das Yeats zu diesem Gedicht angeregt hat. Leider kann ich kein Französisch, jedoch liegen mir drei Nachdichtungen vor: von Irene Kafka (1888-1942 KZ) (in ihrer Gesamtübersetzung der "Sonette für Helene" München: Georg Müller 1923, S. 19), ein eher biederer, wenig inspirierter Versuch; besser als deutsche Gedichte scheinen mir die Versuche von Manfred Gsteiger (*1930) (s. Ders.: "Französische Gedichte aus neun Jahrhunderten" Heidelberg: Lambert Schneider o.J. (1959), S. 87) und von Wolf H. Friedrich (1907-2000) (s. Ders.: "Das Frühlingsgestirn. Französische Lyrik von Ronsard bis Malherbe" Hamburg: Hans von Hugo 1947, S. 26). Ein Vergleich läßt sogleich erkennen, daß Yeats keine nachdichterische Arbeit unternommen hat, sondern vom fremden Gedicht angeregt, dessen Gehalt, dessen Grundsituation aufgenommen und neu gestaltet hat. Bei Ronsard spielen ganz klassisch der vanitas- und der carpe diem-Topos hinein, verknüpft mit dem Nachruhmgedanken, dem Horazischen "monumentum aere perennius". Ronsard bewegt sich souverän in den Gleisen der Bildungsdichtung seiner Zeit: die Geliebte wird an ihr Alter erinnert, daran, daß sie dann bitter bereuen werde, den berühmten Ronsard verschmäht zu haben, durch dessen Lob sie unsterblich sei und darum selbst von ihren Mägden beneidet werde, während er selbst lange bei den Schatten weile; dann sei ihre Reue zu spät - woraus die konkrete Nutzanwendung gezogen wird, ihn lieber sogleich zu erhören und die flüchtige Jugend zu nutzen. Ronsard führt dies souverän aus, aber ähnlich kann man dies in vielen Renaissance- und Barockgedichten finden, mal mehr, mal weniger geschickt und originell. Yeats übernimmt nur die Grundsituation: es wird das Bild der Geliebten beschworen, wie sie alt geworden und müde am Feuer dämmert und sich erinnert, sich erinnern soll. Der vanitas-Gedanke klingt nur sehr verhalten an, indem die Begrenztheit der Lebenszeit und das unaufhaltsame Altern anklingen; noch verhaltener ist hier der Nachruhm-Gedanke angedeutet: ein Buch soll ihr die Vergangenheit wieder vergegenwärtigen, vom namentlichen Nachruhm ist keine Rede und die Geliebte wird allein vorgestellt, ohne eine Gesellschaft, die sie um ihren durch den Dichter erlangten Ruhm beneiden würde. Lediglich der persönlichen Vergegenwärtigung soll hier die Dichtung dienen, das Gedicht ist weitaus intimer: es betrifft nur zwei Menschen und ihr Verhältnis zueinander. Praktische Nutzanwendungen, Lehrsätze bietet es nicht. Diese müssen vom Leser gefolgert werden - oder eben von der Leserin, die selbst zum Sujet des Gedichts geworden ist... Und insofern ist dieses Gedicht, das übrigens an Maud Gonne gerichtet ist, ganz konkret ein werbendes Gedicht, nicht anders als das Sonett Ronsards, aber in einer wie andersartigen Gestaltung! Zwischen beiden Gedichten liegt die ganze europäische Entwicklung über die Erlebnisdichtung bis hin zur Moderne, in der Yeats hier als "lyrisches Ich" steht und - wenn das forcierte Bild erlaubt ist - sozusagen die beiden Enden der Parabel wieder zusammenzwingt: schien doch erst die Moderne in der Lage, Elemente der lange unter Verdikt stehenden Bildungsdichtung des 16. und 17. Jahrhunderts aufzunehmen. Zwei Dichter halten hier über die Jahrhunderte hin Zwiesprache - und ihre Brücke ist die "ewige Madonna Laura"... In diesem Fall zeitigte dies ein wunderschönes Gedicht.


Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü